Da schau her: Das Zeigen mit dem Zeigefinger
Häufige Fragen
Ein kleiner Finger streckt sich aus, und plötzlich eröffnet sich eine völlig neue Welt der Verständigung. Wenn Ihr Kind beginnt, mit dem Zeigefinger auf Gegenstände zu deuten, ist das ein faszinierender Schritt in der motorischen und geistigen Entwicklung. Es teilt Ihnen damit seine Entdeckungen mit, noch lange bevor es die passenden Worte dafür findet. Dieser Moment verändert den Alltag spürbar, denn aus dem reinen Beobachten wird ein aktiver Dialog zwischen Ihnen und Ihrem Baby.
Was sich beim Kind zeigt
Lange Zeit hat Ihr Kind nach Dingen gegriffen, indem es die ganze Hand öffnete und schloss. Die Welt wurde durch großflächiges Greifen, Tasten und das in den Mund nehmen erkundet. Nun geschieht etwas Bemerkenswertes in der Feinmotorik. Die kleinen Muskeln in der Hand werden immer geschickter und feiner abgestimmt. Ihr Kind lernt, den Zeigefinger von den anderen Fingern zu isolieren. Die restlichen Finger bleiben oft zu einer lockeren Faust eingerollt, während der Zeigefinger zielgerichtet nach vorne gestreckt wird. Diese Bewegung erfordert ein enormes Maß an Koordination, Muskelkontrolle und räumlicher Wahrnehmung.
Gleichzeitig passiert im Gehirn ein riesiger kognitiver Sprung. Ihr Kind begreift, dass Sie und es selbst zwei getrennte Personen sind, die aber ihre Aufmerksamkeit auf dieselbe Sache richten können. Fachleute nennen dieses Phänomen geteilte Aufmerksamkeit. Sie können diesen magischen Moment wunderbar beobachten. Ihr Kind streckt den Finger aus, zeigt auf einen Hund auf der Straße, dreht dann den Kopf zu Ihnen, um zu sehen, ob Sie auch hinschauen, und blickt dann wieder zum Hund. Es vergewissert sich, dass Sie beide exakt dasselbe Erlebnis teilen.
Oft gibt es dabei zwei verschiedene Arten des Zeigens, die Sie im Alltag beobachten können. Die eine Form ist das fordernde Zeigen. Ihr Kind deutet auf die Keksdose auf dem Tisch, weil es einen Keks haben möchte. Der Finger funktioniert hier wie ein verlängerter Arm, der sagt, dass es genau diesen Gegenstand möchte. Die zweite Form ist das hinweisende Zeigen. Dabei geht es nicht darum, einen Gegenstand zu bekommen. Ihr Kind zeigt auf einen Vogel am Himmel oder auf eine bunte Blume am Wegesrand, einfach weil es dieses Erlebnis mit Ihnen teilen möchte. Es sagt gewissermaßen, dass Sie sich das ansehen müssen, weil es so spannend ist. Diese Form des Zeigens ist ein riesiger Meilenstein in der sozialen und emotionalen Kommunikation.
Zusätzlich wird das Zeigen oft von ersten, begeisterten Lauten begleitet. Ein aufgeregtes "Da!" oder "Oh!" unterstreicht die Wichtigkeit der Entdeckung. Ihr Kind merkt, dass es durch diese kleine Geste Ihre volle Aufmerksamkeit lenken kann. Es erlebt Selbstwirksamkeit in ihrer reinsten Form. Das Gefühl, verstanden zu werden, stärkt das Selbstvertrauen Ihres Babys enorm und motiviert es, immer weiter mit Ihnen in Kontakt zu treten.
Typischer Zeitrahmen
Die Entwicklung dieses Meilensteins ist ein fließender, sanfter Prozess. Viele Kinder beginnen gegen Ende des ersten Lebensjahres damit, die Welt mit dem Zeigefinger zu erkunden. Oft lässt sich diese faszinierende Geste in einem Zeitraum zwischen dem neunten und vierzehnten Lebensmonat beobachten. Manche Kinder entdecken den isolierten Zeigefinger etwas früher, andere lassen sich mehr Zeit und nutzen zunächst noch die ganze Hand oder den gesamten Arm, um in eine bestimmte Richtung zu deuten.
Der Weg dorthin verläuft in vielen kleinen, individuellen Schritten. Zuerst schauen Babys oft nur dorthin, wo die Eltern hinzeigen, und folgen dem Blick. Später beginnen sie, selbst mit der ganzen Hand auf Dinge zu weisen, die sie spannend finden. Erst danach folgt das präzise Ausstrecken des Zeigefingers. Jedes Kind wählt dabei sein völlig eigenes Tempo und seine ganz eigene Art, diese neue Kommunikationsform in den Familienalltag zu integrieren. Manche Kinder sind dabei sehr behutsam, andere zeigen voller Energie auf alles, was sich bewegt.
So begleiten Sie
Sie können Ihr Kind in dieser spannenden Phase wunderbar und ganz ohne Druck unterstützen, indem Sie einfach aufmerksam und zugewandt auf seine feinen Signale reagieren.
Worte für neue Entdeckungen schenken
Wenn Ihr Kind auf etwas zeigt, reagieren Sie darauf, indem Sie ruhig benennen, was es gerade sieht. Sagen Sie zum Beispiel, dass dort ein großer Bagger fährt, oder bestätigen Sie, dass da eine weiche Katze sitzt. Dadurch bestätigen Sie nicht nur die geteilte Aufmerksamkeit, sondern verknüpfen das visuelle Erlebnis direkt mit dem passenden Wort. Dies ist ein wunderbarer, natürlicher Baustein für die spätere Sprachentwicklung.
Selbst ein aktives Vorbild sein
Nutzen Sie den Zeigefinger auch selbst ganz bewusst in Ihrem Alltag. Zeigen Sie beim Spazierengehen auf interessante Dinge, wie ein Flugzeug am Himmel, einen bunten Schmetterling oder ein raschelndes Blatt im Wind. Ihr Kind lernt jeden Tag durch Nachahmung. Wenn es sieht, wie Sie diese Geste nutzen, um seine Aufmerksamkeit liebevoll zu lenken, wird es den Nutzen des Zeigens noch schneller begreifen und Freude daran finden.
Bilderbücher gemeinsam entdecken
Bilderbücher sind ein idealer, gemütlicher Ort, um das Zeigen zu zelebrieren. Setzen Sie sich entspannt zusammen und fragen Sie, wo sich der kleine Hund versteckt hat. Warten Sie ruhig ab, ob Ihr Kind auf die Seite patscht oder vielleicht schon mit dem Finger deutet. Ebenso können Sie die Hand Ihres Kindes sanft begleiten, wenn es das möchte, oder einfach selbst auf die verschiedenen Tiere und Gegenstände zeigen und diese mit lustigen Geräuschen benennen.
Die feine Absicht hinter dem Finger erkennen
Versuchen Sie, feinfühlig zu unterscheiden, ob Ihr Kind etwas haben möchte oder ob es Ihnen nur etwas zeigen will. Wenn es auf den Apfel zeigt, können Sie fragen, ob es ein Stück Apfel essen möchte. Wenn es auf den Mond zeigt, reicht ein staunendes Bestätigen, wie hell der Mond heute leuchtet. So fühlt sich Ihr Kind in seinen ganz individuellen Bedürfnissen wahrgenommen und verstanden.
Den Alltag als Entdeckungsreise nutzen
Ob im Supermarkt oder beim Kochen in der Küche, überall gibt es Dinge, auf die man zeigen kann. Lassen Sie Ihr Kind vom Einkaufswagen aus auf das Lieblingsobst deuten oder zeigen Sie ihm, wo die Nudeln stehen. Diese kleinen Momente der Einbeziehung machen den Alltag für Ihr Kind zu einem großen Abenteuer und stärken Ihre Bindung zueinander.
Wann mit dem Kinderarzt sprechen
Die Entwicklung von Babys verläuft sehr individuell, in Schüben und ganz ohne festen Fahrplan. Wenn Sie jedoch feststellen, dass Ihr Kind weit im zweiten Lebensjahr angekommen ist und weder auf Gegenstände zeigt noch versucht, Ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge zu lenken, können Sie dies bei der nächsten anstehenden Vorsorgeuntersuchung ganz entspannt ansprechen. Auch wenn Ihr Kind den Blickkontakt vermeidet, während es auf Dinge aufmerksam gemacht wird, ist der Kinderarzt oder die Kinderärztin eine gute und verlässliche Anlaufstelle. Ein kurzes, offenes Gespräch hilft oft, eigene Unsicherheiten zu klären und die weitere Entwicklung Ihres Kindes entspannt, positiv und gut begleitet zu beobachten.
Personalisierte Tipps für Ihr Kind?
easykiddo passt alle Inhalte an das Alter Ihres Kindes an – kostenlos.
Kostenlos starten