Die ersten freien Schritte: Ein großer Meilenstein
Häufige Fragen
Der Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal die Hände löst und ganz allein nach vorn tritt, ist für viele Familien unvergesslich. Diese ersten freien Schritte markieren einen großen Sprung in der motorischen Entwicklung und schenken dem Kind eine völlig neue Perspektive auf seine Umgebung. Es ist ein faszinierendes Zusammenspiel aus Balance, neuem Mut und wachsender Muskelkraft.
Was sich beim Kind zeigt
Bevor die ersten freien Schritte passieren, üben viele Kinder ausgiebig an Möbelstücken. Sie ziehen sich an Sofas, Couchtischen oder Regalen hoch und wandern seitwärts daran entlang. Dieses Entlanghangeln stärkt die Beinmuskulatur und hilft dem Kind, ein Gefühl für die Gewichtsverlagerung zu bekommen. Irgendwann kommt der Augenblick, in dem das Kind merkt, dass es für einen kurzen Moment auch ohne Festhalten stehen kann. Oft passiert das ganz unbewusst, wenn das Kind ein Spielzeug in beiden Händen hält und plötzlich frei im Raum balanciert.
Wenn dann der erste echte Schritt nach vorn erfolgt, sieht das meist noch sehr wackelig aus. Ihr Kind steht typischerweise mit breit gegrätschten Beinen, um die Standfläche zu vergrößern. Die Füße zeigen oft leicht nach außen. Die Arme sind dabei meist weit nach oben und außen gestreckt. Diese Haltung, oft als Hochhalteposition bezeichnet, hilft enorm bei der Balance, ähnlich wie die Balancierstange bei einem Seiltänzer. Jeder Schritt ist eine kleine Meisterleistung der Koordination, bei der das Kind sein gesamtes Körpergewicht von einem Bein auf das andere verlagern muss, während es gleichzeitig das Gleichgewicht hält.
Oft enden diese ersten Versuche nach ein oder zwei Schritten mit einem sanften Plumps auf den Po. Das ist ein völlig natürlicher Teil des Lernprozesses und zeigt, dass das Kind lernt, sich sicher abzufangen. Viele Kinder lachen dabei oder schauen überrascht, bevor sie wieder auf alle Viere wechseln, um schneller voranzukommen. Das Krabbeln bleibt oft noch für eine ganze Weile die bevorzugte Fortbewegungsart, wenn es schnell gehen muss oder das Kind müde ist. Die freien Schritte werden anfangs eher als spannendes neues Spiel ausprobiert.
Mit der Zeit werden die Schritte flüssiger. Die Arme senken sich langsam ab, und der Gang wird sicherer. Das Kind beginnt, verschiedene Untergründe zu erkunden. Dabei leuchten die Augen der Kinder oft vor Stolz über die neu gewonnene Fähigkeit. Es ist nicht nur ein physischer, sondern auch ein großer emotionaler Schritt in Richtung Unabhängigkeit.
Typischer Zeitrahmen
Die Entwicklung des freien Laufens ist ein sehr individueller Prozess, der von Kind zu Kind stark variiert. Viele Kinder wagen ihre ersten freien Schritte im Zeitraum zwischen dem zwölften und dem achtzehnten Lebensmonat. Manche Kinder sind motorisch besonders früh dran und lassen bereits um den ersten Geburtstag herum los. Andere Kinder beobachten ihre Umgebung lieber etwas länger, perfektionieren das Krabbeln und beginnen erst einige Monate später mit dem freien Laufen.
Für das freie Laufen müssen viele verschiedene Fähigkeiten zusammenkommen. Das Kind benötigt ausreichend Kraft in der Rumpfmuskulatur, ein gutes räumliches Sehen und die Fähigkeit, Bewegungen präzise zu koordinieren. All dies entwickelt sich im ganz eigenen Tempo des Kindes.
Das Temperament spielt hierbei ebenfalls eine große Rolle. Vorsichtige Kinder möchten sich oft ganz sicher sein, bevor sie die Hände von der rettenden Tischkante lösen. Sie üben das Stehen und Ausbalancieren sehr lange und machen ihre ersten Schritte erst, wenn sie sich vollkommen bereit fühlen. Mutigere Kinder stürzen sich manchmal förmlich nach vorn, nehmen häufigere Stürze in Kauf und lernen durch ständiges, oft wildes Ausprobieren. Jeder dieser Wege ist genau richtig für das jeweilige Kind.
So begleiten Sie
Ihre wichtigste Rolle in dieser Phase ist es, ein sicherer Hafen zu sein und eine Umgebung zu schaffen, die zum Ausprobieren einlädt.
Barfuß die Welt entdecken
Lassen Sie Ihr Kind so oft wie möglich barfuß oder auf rutschfesten Socken laufen. Die nackten Fußsohlen liefern wichtige sensorische Informationen an das Gehirn. Das Kind spürt den Untergrund, kann die Zehen spreizen und greifen, was den Aufbau eines gesunden Fußgewölbes und die Balance enorm unterstützt. Feste Schuhe sind erst dann sinnvoll, wenn das Kind regelmäßig draußen auf unebenem, nassem oder kaltem Boden läuft.
Eine sichere Umgebung gestalten
Räumen Sie Stolperfallen wie lose Teppiche oder herumliegendes Spielzeug aus dem Weg. Polstern Sie scharfe Kanten an niedrigen Möbeln ab. Wenn die Umgebung sicher ist, können Sie sich entspannt zurücklehnen und Ihr Kind frei experimentieren lassen, ohne ständig eingreifen zu müssen. Das gibt dem Kind das nötige Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und fördert die Selbstständigkeit.
Stürze gelassen begleiten
Das Hinfallen gehört zum Laufenlernen untrennbar dazu. Wenn Ihr Kind auf dem Po landet, versuchen Sie, ruhig zu bleiben. Ein aufmunterndes Lächeln und ein fröhliches Wort zeigen Ihrem Kind, dass alles in Ordnung ist. Wenn Eltern erschrocken aufatmen, weinen Kinder oft eher aus Schreck als aus Schmerz. Trösten Sie Ihr Kind liebevoll, wenn es sich wehtut, aber ermutigen Sie es sanft, es wieder zu versuchen.
Hilfestellung richtig anbieten
Wenn Ihr Kind Ihre Hände sucht, um daran zu laufen, achten Sie darauf, die Arme des Kindes nicht unnatürlich nach oben zu ziehen. Besser ist es, das Kind am Rumpf zu stützen oder die eigenen Hände auf Schulterhöhe des Kindes anzubieten. So muss das Kind die Balance-Arbeit selbst leisten und hängt nicht passiv in Ihren Händen.
Auf Lauflernhilfen verzichten
Sogenannte Gehfreis, in die das Kind hineingesetzt wird, sind für die motorische Entwicklung nicht förderlich und bergen hohe Unfallrisiken. Wenn Ihr Kind etwas schieben möchte, sind stabile, schwere Puppenwagen oder spezielle Schiebewagen, an denen es sich festhalten kann, eine weitaus bessere Wahl. Achten Sie darauf, dass diese Wagen nicht zu leicht wegrollen können, um das Kind nicht zu überfordern.
Freude teilen ohne Druck
Feiern Sie die kleinen Erfolge Ihres Kindes, aber vermeiden Sie es, Druck aufzubauen. Rufen Sie Ihr Kind nicht ständig zu sich, wenn es gerade keine Lust hat zu laufen. Bieten Sie Ihre Hände an, wenn es Halt sucht, aber lassen Sie das Kind das Tempo bestimmen. Die Freude am Entdecken ist der beste Motor für die Entwicklung.
Wann mit dem Kinderarzt sprechen
Es ist völlig alltäglich, dass Kinder ihr eigenes Tempo beim Laufenlernen haben. Wenn Sie jedoch feststellen, dass Ihr Kind mit etwa 18 Monaten noch keine Versuche unternimmt, sich an Möbeln hochzuziehen oder das eigene Gewicht auf den Beinen zu tragen, ist ein Gespräch mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin sinnvoll.
Auch wenn Sie bemerken, dass Ihr Kind beim Stehen oder bei den ersten Schritten eine Körperhälfte deutlich vernachlässigt, immer nur auf den Zehenspitzen steht oder die Beine sehr steif wirken, können Sie dies bei der nächsten Untersuchung ansprechen. Der Kinderarzt oder die Kinderärztin kann die motorische Entwicklung sanft und spielerisch überprüfen. Oft gibt es einfache Erklärungen, und Sie erhalten bei Bedarf wertvolle Tipps, wie Sie Ihr Kind im Alltag gut unterstützen können. Meistens braucht es einfach nur ein wenig mehr Zeit und liebevolle Geduld.
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