Kleine Leseratten: Das erste Umblättern
Häufige Fragen
Gemeinsame Lesezeiten sind wunderbare Momente voller Nähe und Geborgenheit im Familienalltag. Irgendwann streckt Ihr Kind auf Ihrem Schoß ganz bewusst die kleinen Hände aus und versucht, die dicken Seiten eines Pappbilderbuchs selbst umzublättern. Dieser kleine Handgriff ist ein faszinierender feinmotorischer Meilenstein, der Hand-Auge-Koordination, Muskelkontrolle und pure kindliche Neugier auf wunderbare Weise vereint.
Was sich beim Kind zeigt
Die Entwicklung hin zum eigenständigen Umblättern beginnt meist ganz unauffällig und in vielen kleinen Schritten. Zunächst klopft Ihr Kind vielleicht nur flach mit der ganzen Hand auf die bunten Seiten, während Sie ihm etwas erzählen. Es spürt die glatte Oberfläche des Papiers, nimmt die Kontraste wahr und lauscht Ihrer Stimme. Bald darauf folgt der Versuch, das Buch selbst zu greifen und festzuhalten. Oft landet das Buch dabei erst einmal im Mund, denn das Ertasten mit den Lippen und der Zunge ist eine enorm wichtige Form der kindlichen Weltaneignung im ersten Lebensjahr.
Wenn Ihr Kind dann beginnt, die Seiten gezielt zu bewegen, ist das ein großer motorischer und kognitiver Schritt. Am Anfang werden fast immer mehrere dicke Pappseiten auf einmal umgeschlagen. Die feine Motorik der einzelnen Finger muss sich erst noch aufeinander abstimmen. Ihr Kind nutzt anfangs oft die ganze Hand oder den Daumen und den Zeigefinger in einer noch etwas groben Greifbewegung. Es erfordert viel Konzentration, die Seite am Rand zu fassen, sie anzuheben und dann über die Mitte auf die andere Seite zu befördern.
Um die Hände frei für das Buch zu haben, benötigt Ihr Kind eine gewisse Rumpfstabilität. Wenn es sicher auf Ihrem Schoß sitzt oder auf dem Bauch liegt und sich auf die Unterarme stützt, haben die Hände den nötigen Bewegungsspielraum. Diese grobmotorische Basisarbeit ist enorm wichtig, damit sich die feinen Bewegungen der Finger überhaupt erst entfalten können. Das Umblättern ist somit auch ein wunderbares Zeichen dafür, wie gut die verschiedenen Muskelgruppen im Körper Ihres Kindes bereits zusammenarbeiten. Die Schultern geben Halt, die Arme führen die Bewegung aus, und die winzigen Fingermuskeln übernehmen die Präzisionsarbeit am Papier.
Manchmal klappt das Buch bei diesen Versuchen einfach wieder zu, oder es wird wild hin und her geblättert, ohne dass eine Geschichte auch nur ansatzweise zu Ende gelesen wird. Die kindliche Faszination liegt in diesem Moment völlig auf der Mechanik des Buches. Es geht noch nicht um den Inhalt der Erzählung, sondern um die physikalische Erfahrung, dass eine eigene Handbewegung das Bild vor den Augen verändert. Diese Form der Selbstwirksamkeit begeistert viele Kinder enorm. Sie spüren ganz direkt, dass sie selbst bestimmen können, was als Nächstes passiert.
Dabei wird auch die visuelle Wahrnehmung intensiv geschult. Der Blick folgt der Handbewegung, die Hand folgt dem visuellen Reiz. Es ist ein hochkomplexes Zusammenspiel aus motorischer Planung im Gehirn, feiner Muskelkontrolle in den Fingern und visueller Verarbeitung. Auch das kognitive Konzept der Objektpermanenz spielt hier eine Rolle. Ihr Kind lernt durch das ständige Vorblättern und Zurückblättern, dass das Bild vom Hund oder der Katze auf der vorherigen Seite nicht verschwunden ist, sondern wieder auftaucht, wenn man die Seite zurückschlägt.
Typischer Zeitrahmen
Die ersten Versuche, ein Buch aktiv mitzugestalten, beginnen bei vielen Kindern in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. Oft beobachten Eltern zwischen dem neunten und zwölften Lebensmonat, dass ihr Kind ganz gezielt nach den Buchseiten greift und eigene Blätterversuche unternimmt. Manche Kinder zeigen schon früher ein großes Interesse an den Seitenrändern, andere entdecken diese feinmotorische Leidenschaft erst ein wenig später für sich.
Die Entwicklung der Feinmotorik verläuft bei jedem Kind in einem ganz individuellen Rhythmus. Zunächst dominiert oft der sogenannte Scherengriff, bei dem Daumen und Zeigefinger wie die Klingen einer Schere zusammenwirken, um einen Gegenstand zu fassen. Später, oft rund um den ersten Geburtstag, verfeinert sich dies allmählich zum Pinzettengriff. Mit diesem präziseren Griff gelingt es Ihrem Kind dann zunehmend besser, auch einzelne, dicke Pappseiten voneinander zu trennen und gezielt umzuschlagen.
So begleiten Sie
Die ersten Leseversuche sind eine wunderbare Gelegenheit, die Bindung zu stärken und die Freude an Büchern zu wecken.
Robuste Bücher anbieten
Pappbilderbücher mit dicken Seiten sind absolut ideal für kleine Hände. Sie verzeihen auch ein beherztes Greifen, intensives Anknabbern oder einen versehentlichen Fall auf den Boden. Diese Robustheit gibt Ihrem Kind die Freiheit, das Medium Buch ohne Einschränkungen physisch zu erkunden.
Das Tempo dem Kind überlassen
Wenn Ihr Kind lieber fünfmal hintereinander dieselbe Seite vor und zurück blättern möchte, lassen Sie es einfach gewähren. Es geht in dieser Phase der kindlichen Entwicklung nicht um das Vorlesen einer linearen Geschichte. Viel wichtiger ist das Begreifen des Buches als spannendes Objekt, das man selbst bedienen kann.
Mit allen Sinnen erkunden lassen
Erlauben Sie Ihrem Kind, das Buch ausgiebig zu befühlen, darüber zu streicheln oder es auch mal in den Mund zu nehmen. Fühlbücher mit verschiedenen Texturen, wie weichem Stoff oder geriffeltem Karton, bieten hier besonders schöne haptische Anreize für die kleinen Finger und wecken die Neugier zusätzlich.
Gemeinsame Aufmerksamkeit teilen
Wenn Ihr Kind stolz eine Seite umschlägt, benennen Sie einfach mit ruhiger Stimme, was auf dem neuen Bild zu sehen ist. Zeigen Sie mit Ihrem Finger auf die bunten Details. So lernt Ihr Kind ganz nebenbei, dass Bilder Bedeutungen tragen und dass man über das Gesehene wunderbar gemeinsam kommunizieren kann.
Eine entspannte Leseatmosphäre schaffen
Nutzen Sie das gemeinsame Anschauen von Büchern als intensive Kuschelzeit. Die körperliche Nähe auf Ihrem Schoß, Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und Ihre ruhige Stimme machen das Buch zu einem überaus positiven, sicheren Ort für Ihr Kind. Diese frühen Wohlfühlmomente legen oft den Grundstein für eine lebenslange Liebe zu Büchern.
Bücher in den Alltag integrieren
Legen Sie ein paar ausgewählte, altersgerechte Bücher an Orten aus, die Ihr Kind gut erreichen kann. Ein kleines Körbchen im Wohnzimmer oder ein flaches Regalbrett im Kinderzimmer laden dazu ein, sich jederzeit selbstständig ein Buch zu greifen. Diese freie Zugänglichkeit fördert die Eigeninitiative und zeigt Ihrem Kind, dass Bücher ein ganz selbstverständlicher und wertvoller Teil seines täglichen Umfelds sind.
Wann mit dem Kinderarzt sprechen
Die Bandbreite der motorischen Entwicklung ist im ersten Lebensjahr enorm groß. Wenn Sie jedoch bemerken, dass Ihr Kind gegen Ende des ersten Lebensjahres generell sehr wenig Interesse daran zeigt, Gegenstände gezielt mit den Händen zu greifen, oder wenn es offensichtliche Schwierigkeiten hat, beide Hände in der Körpermitte zusammenzuführen, können Sie dies entspannt bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung ansprechen. Die Kinderärztin oder der Kinderarzt kann sich die feinmotorische Entwicklung Ihres Kindes in Ruhe ansehen und Ihnen bei Bedarf wertvolle, einfache Tipps für den Alltag mitgeben. So können Sie jederzeit sichergehen, dass Ihr Kind auf seinem Weg bestmöglich und liebevoll begleitet wird.
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