„Schau mal!“: Wenn Ihr Kind aktiv ein Publikum sucht
Häufige Fragen
Es ist ein wunderbarer Moment in der Entwicklung, wenn ein Kind seine eigenen Fähigkeiten entdeckt und diese Freude teilen möchte. Plötzlich ruft es laut durch den Raum oder zupft erwartungsvoll am Ärmel, um ein selbst gebautes Werk zu präsentieren. Dieses aktive Suchen nach einem Publikum ist ein großer Schritt in der sozialen und emotionalen Welt des Kleinkindes. Es markiert den Übergang von einer inneren Erlebenswelt hin zu einer gemeinsamen, geteilten Realität mit den engsten Bezugspersonen.
Was sich beim Kind zeigt
In dieser Phase entwickelt das Kind ein starkes Bedürfnis nach geteilter Aufmerksamkeit, in der Fachsprache auch „Joint Attention“ genannt. Es baut einen Turm aus Bauklötzen, malt einen Strich auf ein Papier oder balanciert auf einem Kissen. Danach sucht es sofort den Blickkontakt zu seinen Eltern. Das Kind möchte sehen, ob seine Leistung wahrgenommen wird und wie die Reaktion ausfällt.
Oft nutzen Kinder ganz klare Signale, um ihr Publikum zu finden. Ein lautes Rufen, ein aufgeregtes Zeigen mit dem Finger oder ein stolzes Klatschen in die eigenen Hände sind typische Zeichen. Manche Kinder wiederholen eine bestimmte Handlung immer wieder, wenn sie merken, dass sie damit ein Lächeln oder ein Lachen auslösen. Sie werden zu kleinen Entertainern im heimischen Wohnzimmer.
Es geht dabei um viel mehr als nur um reines Lob. Das Kind erlebt sich selbst als wirksam und möchte diese aufregende Erfahrung der Selbstwirksamkeit mit den wichtigsten Menschen in seinem Leben teilen. Es spürt: Ich kann etwas bewirken, und meine Familie freut sich mit mir. Diese geteilte Freude stärkt die Bindung und das Selbstvertrauen enorm.
Zudem lernen Kinder durch diese Reaktionen, Emotionen richtig einzuordnen. Wenn sie stolz auf einen gebauten Turm blicken und die Eltern dieses Gefühl mit einem warmen Lächeln bestätigen, versteht das Kind seinen eigenen Stolz besser. Es ist ein ständiger Abgleich der eigenen Gefühle mit der Welt im Außen.
Manchmal präsentieren Kinder auch Dinge, die für Erwachsene auf den ersten Blick alltäglich wirken. Ein gefundener Stein auf dem Spaziergang, ein interessanter Schatten an der Wand oder das erfolgreiche Aufheben eines Löffels vom Boden. Für das Kind sind dies jedoch gigantische Entdeckungen. Indem es diese Momente teilt, versichert es sich der elterlichen Begleitung auf seiner großen Entdeckungsreise durch die Welt. Es baut sich eine Brücke zwischen seinem eigenen Erleben und der Sicherheit, die ihm seine Familie bietet.
Typischer Zeitrahmen
Viele Kinder beginnen zwischen dem 13. und 18. Lebensmonat damit, ihre Bezugspersonen durch Blicke oder Zeigegesten auf ihre Taten aufmerksam zu machen. Zunächst ist es oft ein stummes, aber sehr ausdrucksstarkes Einfordern von Aufmerksamkeit. Das Kind blickt zum Beispiel abwechselnd auf sein Spielzeug und dann in das Gesicht der Begleitperson, um eine Verbindung herzustellen.
Mit zunehmender Sprachentwicklung, oft im Zeitraum zwischen 24 und 36 Monaten, kommen verbale Aufforderungen hinzu. Worte wie „Schau mal“, „Guck“ oder „Da“ werden zu ständigen Begleitern im Alltag. Jedes Kind hat dabei sein eigenes Tempo und seine eigene Art der Kommunikation.
Manche Kinder suchen sehr oft und lautstark nach einem Publikum, während andere ihre Erfolge eher still und nur gelegentlich mit einem vertrauten Menschen teilen. Auch das Temperament spielt eine große Rolle. Ein eher extrovertiertes Kind wird vielleicht jede kleine Entdeckung präsentieren, während ein in sich ruhendes Kind nur bei großen, neuen Errungenschaften nach den Eltern sieht.
So begleiten Sie
Wirkliches Interesse zeigen
Wenn Ihr Kind Ihre Aufmerksamkeit sucht, reicht oft schon ein kurzer, aber sehr aufmerksamer Moment. Unterbrechen Sie für einen Augenblick Ihre Tätigkeit, sehen Sie dem Kind auf Augenhöhe in die Augen und betrachten Sie sein Werk. Diese ungeteilte Aufmerksamkeit zeigt Ihrem Kind, dass es Ihnen wichtig ist und seine Handlungen Bedeutung haben.
Konkrete Rückmeldung geben
Anstatt nur ein allgemeines, schnelles Lob auszusprechen, können Sie genau benennen, was Sie sehen. Sagen Sie zum Beispiel: „Du hast den roten Baustein ganz nach oben gelegt“ oder „Du bist ganz alleine auf das Kissen geklettert“. Diese beschreibenden Sätze helfen dem Kind, seine eigenen Handlungen sprachlich zu fassen und besser zu verstehen.
Die Freude spiegeln
Kinder in diesem Alter lieben es, wenn ihre Emotionen erwidert werden. Lächeln Sie zurück, klatschen Sie gemeinsam oder staunen Sie hörbar über die neue Entdeckung. Ihr geteiltes Erstaunen bestätigt das Kind in seinem Tun, gibt ihm ein sicheres Gefühl und macht die gemeinsame Erfahrung noch intensiver.
Den Versuch würdigen
Nicht immer gelingt das, was das Kind voller Stolz präsentieren möchte. Der Turm fällt vielleicht im letzten Moment um, oder der Ball rollt in die falsche Richtung. Begleiten Sie auch diese Momente liebevoll und ohne Wertung. Sie können den Einsatz anerkennen, indem Sie sagen: „Du hast dich sehr angestrengt, den Turm so hoch zu bauen, jetzt ist er umgekippt.“
Raum für Eigenständigkeit lassen
Auch wenn es wunderschön ist, die Erfolge gemeinsam zu feiern, ist es ebenso wertvoll, wenn das Kind ins freie Spiel versinkt. Sie müssen nicht jede kleine Bewegung kommentieren. Wenn das Kind vertieft spielt und keinen Blickkontakt sucht, dürfen Sie sich entspannt zurücklehnen und einfach nur stiller Beobachter sein.
Wann mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt sprechen
Die Entwicklung der sozialen Interaktion verläuft bei jedem Kind ganz individuell und in Schüben. Manche Kinder sind von Natur aus zurückhaltender und spielen lieber für sich, ohne ständig nach Bestätigung von außen zu suchen. Das ist eine Frage des Charakters und völlig unbedenklich.
Wenn ein Kind jedoch bis weit in das dritte Lebensjahr hinein gar keine Freude mit anderen teilt, kaum Blickkontakt aufnimmt oder scheinbar kein Interesse daran hat, Bezugspersonen auf Dinge aufmerksam zu machen, ist ein offenes Gespräch sinnvoll. In solchen Fällen können Sie Ihre Beobachtungen bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin teilen. Gemeinsam lässt sich am besten einschätzen, wie das Kind in seiner Kommunikation und seiner sozialen Entwicklung optimal begleitet werden kann.
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