Schutz suchen: Wenn Ihr Kind plötzlich fremdelt
Häufige Fragen
Viele Eltern erleben einen Moment, in dem ihr aufgeschlossenes Kleinkind plötzlich ängstlich reagiert, wenn andere Menschen den Raum betreten oder sich nähern. Dieses Verhalten, oft als Fremdeln bezeichnet, ist ein faszinierender und überaus wichtiger Entwicklungsschritt in der emotionalen Welt Ihres Kindes. Es zeigt ein deutlich wachsendes Verständnis für die komplexe soziale Umgebung und ist gleichzeitig ein wunderbarer, sichtbarer Beweis für die tiefe, sichere Bindung zu Ihnen als Hauptbezugsperson.
Was sich beim Kind zeigt
In dieser Phase verändert sich das Verhalten Ihres Kindes in sozialen Situationen oft sehr deutlich und manchmal scheinbar über Nacht. Ein Kind, das zuvor fröhlich auf jeden zugegangen ist und sich gerne von jedem auf den Arm nehmen ließ, sucht nun plötzlich intensiv nach Schutz. Sie beobachten vielleicht, wie sich Ihr Kind auf dem Spielplatz hinter Ihren Beinen versteckt, sobald ein anderes Elternteil eine Frage stellt. Im Supermarkt klammert sich das Kind an Ihre Kleidung oder vergräbt das Gesicht an Ihrer Schulter, wenn die Person an der Kasse es freundlich anlächelt. Oft streckt das Kind sofort beide Arme nach Ihnen aus und bittet stumm oder weinend darum, auf den Arm genommen zu werden.
Diese schutzsuchenden Reaktionen treten interessanterweise nicht nur bei völlig fremden Personen auf. Sehr häufig erleben Eltern dieses Verhalten auch bei Menschen, die das Kind eigentlich gut kennt und in der Vergangenheit gerne mochte. Großeltern, enge Freundinnen der Familie oder gelegentliche Babysitter werden plötzlich mit großer Skepsis betrachtet. Ihr Kind weint vielleicht bitterlich, wenn der Großvater die Arme ausstreckt, oder dreht den Kopf vehement weg, wenn eine Tante es begrüßen möchte. Es ist von großer Bedeutung zu wissen, dass dies absolut keine persönliche Ablehnung ist. Ihr Kind verarbeitet in diesem Moment lediglich eine Fülle von Eindrücken und ordnet seine sozialen Kreise neu.
Zusätzlich können Sie in ruhigen Momenten beobachten, dass Ihr Kind aus der sicheren Entfernung Ihres Schoßes seine Umgebung sehr genau studiert. Es beobachtet Gesichter, lauscht aufmerksam auf Stimmen und verfolgt die Bewegungen der anderen Personen im Raum ganz genau. Erst wenn es sich absolut sicher fühlt und die Situation als ungefährlich eingestuft hat, löst es sich vielleicht für einen kurzen Moment, um ein interessantes Spielzeug zu holen. Es kehrt danach aber meist sofort wieder in Ihren sicheren Hafen zurück. Dieses ständige Pendeln zwischen der angeborenen Neugier und dem starken Bedürfnis nach Sicherheit ist ein zentrales Merkmal dieser emotionalen Entwicklung.
Ein Zeichen für eine starke Bindung
Auch wenn es im Alltag für alle Beteiligten manchmal anstrengend sein kann, ist dieses schutzsuchende Verhalten ein überaus positives Zeichen für die Entwicklung. Es zeigt, dass Ihr Kind kognitiv einen enormen Sprung gemacht hat. Es kann nun sehr klar und differenziert zwischen seinen allerengsten Bezugspersonen und anderen Menschen unterscheiden. Ihr Kind hat durch unzählige positive Interaktionen gelernt, dass Sie der verlässliche Ort sind, an dem es bedingungslose Sicherheit, Trost und Schutz findet.
Wenn Ihr Kind bei aufkommender Unsicherheit sofort zu Ihnen flüchtet, beweist das sein tiefes, unerschütterliches Vertrauen in Ihre Verlässlichkeit. Es weiß genau, wer ihm in einer für das Kind oft unübersichtlichen und großen Welt den nötigen Halt gibt. Diese Fähigkeit zur Unterscheidung erfordert eine enorme Leistung des kindlichen Gehirns. Das Kind begreift zunehmend, dass Menschen individuelle Eigenschaften haben und dass Vertrauen etwas ist, das erst aufgebaut werden muss.
Zudem nutzt Ihr Kind in diesen Momenten Ihre Präsenz zur eigenen emotionalen Regulation. Wenn es sich überfordert fühlt, hilft ihm Ihr ruhiger Herzschlag und Ihre vertraute Stimme dabei, sein eigenes inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Dieser emotionale Meilenstein legt somit einen überaus wichtigen Grundstein für spätere, tiefgehende Beziehungen. Das Kind lernt, auf seine innere Stimme zu hören und Vertrauen gezielt, bewusst und in seinem eigenen Tempo aufzubauen.
Typischer Zeitrahmen
Die allerersten Anzeichen von Fremdeln zeigen sich bei vielen Kindern bereits im ersten Lebensjahr, oft rund um den achten oder neunten Monat. Eine zweite, oft noch deutlich intensivere Phase beobachten viele Eltern dann in der Kleinkindzeit, häufig in einem Alter zwischen 13 und 24 Monaten. In diesem Alter wird den Kindern ihre eigene Eigenständigkeit und Getrenntheit von den Eltern immer bewusster. Diese neue Erkenntnis kann paradoxerweise das Bedürfnis nach vertrauter Sicherheit vorübergehend wieder stark ansteigen lassen.
Manche Kinder erleben diese Phase sehr intensiv und über viele Monate hinweg, während andere nur in ganz bestimmten, lauten Situationen oder bei sehr stürmischen Personen schüchtern reagieren. Es gibt Kinder, die bis weit in ihr drittes Lebensjahr hinein einfach etwas mehr Zeit brauchen, um in neuen Situationen oder bei Familienfeiern aufzutauen. Jeder Verlauf ist hierbei völlig individuell und spiegelt lediglich das einzigartige, wunderbare Temperament Ihres Kindes wider.
So begleiten Sie
Ihre ruhige, geduldige und verständnisvolle Begleitung hilft Ihrem Kind enorm dabei, diese emotional herausfordernde Zeit gut und gestärkt zu meistern. Indem Sie bedingungslose Sicherheit vermitteln, stärken Sie langfristig das Vertrauen Ihres Kindes in sich selbst und in die Welt um es herum.
Gefühle annehmen und benennen
Zeigen Sie Ihrem Kind in jedem Moment, dass seine Gefühle völlig in Ordnung und berechtigt sind. Ein einfacher, liebevoller Satz wie "Du möchtest gerade lieber bei mir auf dem Arm bleiben, das ist völlig in Ordnung" nimmt sofort den Druck aus der Situation. Vermeiden Sie es unbedingt, das Kind zu einer Begrüßung zu drängen oder seine Ängste kleinzureden. Wenn Ihr Kind spürt, dass seine persönlichen Grenzen respektiert werden, kann es sich viel leichter entspannen.
Eine sichere Brücke bauen
Sie können als wunderbare soziale Brücke zwischen Ihrem Kind und anderen Personen fungieren. Wenn Sie sich selbst entspannt, offen und freundlich mit dem Besuch oder der Nachbarin unterhalten, signalisieren Sie Ihrem Kind nonverbal, dass von dieser Person keine Gefahr droht. Lassen Sie Ihr Kind dabei einfach auf dem Schoß sitzen, während Sie sprechen. Oft weckt genau diese entspannte Atmosphäre nach einiger Zeit ganz von allein die natürliche Neugier des Kindes.
Begegnungen sanft gestalten
Bitten Sie Besucher oder auch Verwandte im Vorfeld, das Kind zur Begrüßung nicht sofort hochzuheben, laut anzusprechen oder anzustarren. Ein sanftes Lächeln aus der Distanz und das geduldige Abwarten, bis das Kind von sich aus Kontakt aufnimmt, wirken oft wahre Wunder. Wenn das Kind nach einer Weile vielleicht ein Spielzeug anbietet, ist das ein erster, sehr mutiger Schritt, der durch ein ruhiges, unaufgeregtes Annehmen bestärkt werden kann.
Verständnis im Umfeld schaffen
Für liebevolle Großeltern oder enge Freunde kann es durchaus schmerzhaft sein, wenn das geliebte Kind plötzlich abweisend oder weinend reagiert. Erklären Sie Ihrem Umfeld liebevoll, aber bestimmt, dass dies ein wichtiger, gesunder Entwicklungsschritt und ein wunderbares Zeichen für die gute Bindung ist. Es hilft dem Umfeld enorm, die Situation nicht persönlich zu nehmen und dem Kind die nötige Zeit zum Ankommen zu geben.
Den sicheren Hafen immer offenhalten
Lassen Sie Ihr Kind stets wissen, dass es jederzeit zu Ihnen zurückkehren kann, ohne bewertet zu werden. Wenn es sich ein paar Schritte entfernt hat, um etwas zu erkunden, und dann plötzlich wieder Schutz sucht, empfangen Sie es immer mit offenen Armen. Diese ständige, verlässliche Rückversicherung gibt dem Kind den Mut, beim nächsten Mal vielleicht einen kleinen Schritt weiterzugehen. Wenn das Fremdeln den Familienalltag über einen sehr langen Zeitraum enorm belastet oder Sie sich als Eltern große Sorgen machen, ist Ihre Kinderärztin oder Ihr Kinderarzt immer ein guter und verständnisvoller Ansprechpartner, um gemeinsam in Ruhe auf die Situation zu blicken.
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