Mein Kind möchte nicht teilen: Ab wann Kinder das Abgeben verstehen
Häufige Fragen
Viele Eltern spüren eine innere Anspannung, wenn ihr Kind auf dem Spielplatz ein Förmchen lautstark verteidigt. Oft fürchten wir die Blicke der anderen Eltern und möchten, dass unser Kind harmonisch und friedlich mitspielt. Es entsteht schnell das Gefühl, man müsse sofort eingreifen und das Kind zur Großzügigkeit erziehen. Im zweiten und dritten Lebensjahr ist das Teilen jedoch ein Konzept, das für Kinder kognitiv noch gar nicht greifbar ist. Hier erfahren Sie, warum dieses Verhalten ein wichtiger und völlig gesunder Entwicklungsschritt ist. Wir zeigen Ihnen zudem, wie Sie diese alltäglichen Situationen entspannt begleiten können, ohne Druck aufzubauen.
Grundlagen zum kindlichen Teilen
In den ersten Lebensjahren entdecken Kinder gerade erst ihr eigenes Ich als eigenständige Person. Sie realisieren allmählich, dass sie getrennt von ihren Eltern existieren und eigene Wünsche haben. Mit dieser wunderbaren Entdeckung bekommen Begriffe wie "mein" und "dein" eine völlig neue und sehr intensive Bedeutung. Wenn ein Kind ein Spielzeug festhält, empfindet es dieses in dem Moment oft als eine direkte Erweiterung seines eigenen Körpers. Etwas abzugeben fühlt sich für das Kleinkind deshalb wie ein echter, schmerzhafter Verlust an. Es kann noch nicht verstehen, dass der Bagger oder die Puppe später wieder zu ihm zurückkehrt.
Die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle anderer Menschen hineinzuversetzen, entwickelt sich bei vielen Kindern erst im vierten Lebensjahr. Diese sogenannte "Theory of Mind" ist die Voraussetzung dafür, echtes Mitgefühl zu empfinden und freiwillig zu teilen. Vorher spielen Kleinkinder meist eher nebeneinander als miteinander. Fachleute bezeichnen diese Phase als Parallelspiel. Die Kinder beobachten sich gegenseitig genau, ahmen sich nach, interagieren aber noch nicht zwingend kooperativ.
Es ist also eine Frage der natürlichen Gehirnentwicklung und absolut keine böse Absicht, wenn das Abgeben in diesem Alter schwerfällt. Das kindliche Gehirn muss erst die nötigen neuronalen Verknüpfungen bilden, um Empathie und Großzügigkeit überhaupt verarbeiten zu können. Bis dahin ist das Festhalten an Dingen ein Zeichen dafür, dass das Kind lernt, seine eigenen Grenzen wahrzunehmen und zu behaupten. Dies ist ein wertvoller Schritt auf dem Weg zu einer starken Persönlichkeit.
Praktische Tipps für den Alltag
Vorbild im Alltag sein: Kinder lernen unglaublich viel durch das stetige Beobachten ihrer engsten Bezugspersonen. Zeigen Sie im Familienalltag ganz natürlich, wie Sie Dinge abgeben oder gemeinsam nutzen. Sie können zum Beispiel einen Apfel teilen und dies mit freundlichen Worten begleiten, wie etwa: "Schau, ich gebe dir ein Stück von meinem Apfel ab." So erlebt Ihr Kind in einer sicheren Umgebung, dass Teilen etwas Positives ist und niemandem schadet.
Gefühle benennen und validieren: Wenn Ihr Kind wütend oder traurig wird, weil ein anderes Kind sein Spielzeug nimmt, helfen ruhige, verständnisvolle Worte. Sagen Sie zum Beispiel: "Du bist traurig, weil du den Bagger gerade selbst brauchst, das verstehe ich gut." Das zeigt Ihrem Kind, dass seine starken Emotionen in Ordnung sind und es von Ihnen gesehen wird. Es lernt so nach und nach, seine eigenen Gefühle besser einzuordnen.
Abwechseln statt zwingen: Anstatt das Teilen zu erzwingen, können Sie behutsam das Abwechseln üben. Erklären Sie, dass ein Kind kurz rutschen darf und dann das andere an der Reihe ist. Dies gibt Kindern Sicherheit, da sie durch diese Struktur lernen, dass sie das geliebte Objekt nach einer Weile verlässlich zurückbekommen. Der Begriff "Teilen" bedeutet für sie oft "für immer weg", während "Abwechseln" zeitlich begrenzt ist.
Lieblingsstücke vor dem Besuch wegräumen: Wenn andere Kinder zu Besuch kommen, dürfen ganz besondere Spielzeuge vorher sicher im Schrank verstaut werden. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, welche Dinge für alle da sind und was lieber geschützt wird. Das nimmt im Vorfeld enorm viel Druck aus der Situation und beugt vielen Tränen vor. Es ist das gute Recht Ihres Kindes, bestimmte Schätze für sich zu behalten.
Beobachten und abwarten: Oft lösen Kinder kleine Konflikte ganz wunderbar selbst, wenn wir ihnen die Chance dazu geben. Warten Sie einen kurzen Moment ab, bevor Sie eingreifen. Begleiten Sie das Spiel liebevoll aus dem Hintergrund und greifen Sie erst ein, wenn die Situation zu eskalieren droht. Kinder wachsen an diesen kleinen Herausforderungen und lernen dabei wertvolle soziale Fähigkeiten.
Zeitliche Begrenzungen nutzen: Manche Kinder können leichter abgeben, wenn sie genau wissen, wie lange sie warten müssen. Nutzen Sie eine kleine Sanduhr oder einen Wecker, um das Abwechseln sichtbar zu strukturieren. Wenn es klingelt, ist das nächste Kind an der Reihe. Diese visuelle oder akustische Hilfe macht abstrakte Zeitbegriffe für Kleinkinder viel greifbarer.
Häufige Fragen
Wird mein Kind egoistisch, wenn ich es nicht zum Teilen zwinge?
Nein, ganz im Gegenteil. Echte Großzügigkeit entsteht aus Freiwilligkeit und einem tiefen Gefühl der inneren Sicherheit. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass ihre eigenen Grenzen respektiert werden, fällt ihnen das Abgeben später viel leichter. Zwang führt oft nur dazu, dass Kinder ihre Sachen noch vehementer verteidigen und Angst um ihr Eigentum entwickeln.
Was tue ich, wenn mein Kind ein anderes haut, um das Spielzeug zu behalten?
Hier ist sanftes, aber klares Eingreifen wichtig, um alle beteiligten Kinder zu schützen. Trennen Sie die Kinder ruhig und benennen Sie die Situation ganz klar: "Hauen tut weh, das möchte ich nicht. Wir streicheln." Bieten Sie dann eine attraktive Alternative an oder lenken Sie die Aufmerksamkeit auf ein anderes spannendes Spielzeug. Es geht darum, die Handlung zu stoppen, ohne das Kind als Person abzuwerten.
Wann ist ärztlicher Rat sinnvoll?
Jedes Kind entwickelt sich in seinem ganz eigenen Tempo und auf seine individuelle Weise. Manche Kinder sind von Natur aus zurückhaltender, andere sehr durchsetzungsstark. Wenn Sie sich jedoch Sorgen machen, weil Ihr Kind in Spielsituationen dauerhaft extrem gestresst wirkt oder Sie allgemeine Fragen zur sozialen Entwicklung haben, sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt. Ein offenes Gespräch in der Praxis kann oft viel Beruhigung bringen und Ihnen helfen, das Verhalten Ihres Kindes noch besser zu verstehen.
Zusammenfassung
- Teilen ist im Alter von 13 bis 36 Monaten kognitiv noch nicht möglich.
- Ein Spielzeug wird in diesem Alter oft als Teil des eigenen Ichs wahrgenommen.
- Zwang zum Abgeben ist nicht hilfreich und erzeugt bei allen Beteiligten nur Stress.
- Vorleben im Alltag und das Benennen von Gefühlen unterstützen die soziale Entwicklung sanft.
- Lieblingsspielzeuge dürfen vor Spielverabredungen ruhig weggeräumt werden, um Konflikte zu vermeiden.
- Der Fokus liegt auf dem Abwechseln, da dies für Kinder greifbarer ist als das abstrakte Teilen.
- Bei anhaltenden Sorgen zur sozialen Entwicklung ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt eine gute Anlaufstelle.
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