Meins! Warum das Teilen unter Kleinkindern noch schwerfällt
Häufige Fragen
"Meins!" rufen viele Kinder lautstark, wenn ein anderes Kind nach dem Lieblingsauto greift. Solche Momente auf dem Spielplatz oder im heimischen Wohnzimmer begleiten Eltern oft mit einem unguten Gefühl. Hier erfahren Sie, warum das Teilen in diesem Alter noch gar nicht reibungslos klappen muss und wie Sie Ihr Kind liebevoll durch diese wichtige Entwicklungsphase begleiten.
Die kognitiven Grundlagen des Teilens
Teilen ist eine hochkomplexe soziale Fähigkeit. Um einen Gegenstand freiwillig abzugeben, braucht es Empathie und die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme. Das Gehirn von Kleinkindern baut diese Verbindungen erst nach und nach auf. Viele Kinder beginnen erst im Kindergartenalter, sich in die Gefühlswelt anderer hineinzuversetzen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Zeitverständnis. Kleinkinder leben stark im Hier und Jetzt. Wenn sie ein Spielzeug abgeben, fühlt es sich für sie oft so an, als wäre es für immer verschwunden. Das Konzept von einem späteren Zeitpunkt ist abstrakt und für viele Kinder zwischen 13 und 36 Monaten noch schwer greifbar. Sie können noch nicht absehen, dass sie den begehrten Gegenstand bald wieder in den Händen halten werden.
Die Entdeckung des eigenen Ichs
Rund um den zweiten Geburtstag machen viele Kinder eine faszinierende Entdeckung. Sie erkennen sich selbst als eigenständige Person. In dieser Phase der Ich-Entwicklung verschmelzen sie oft mit den Dingen, die sie besitzen. Ein Spielzeug ist in diesem Moment nicht einfach nur ein Gegenstand, sondern ein Teil ihrer neuen Identität.
Wenn ein Kind also sein Spielzeug vehement verteidigt, ist das kein Zeichen von Egoismus. Es schützt in seiner Wahrnehmung einen Teil von sich selbst. Dieses starke Besitzdenken ist ein wertvoller und notwendiger Schritt in der emotionalen Entwicklung. Nur wer ein klares Konzept von "Mein" hat, kann später auch verstehen, was "Dein" bedeutet.
Wenn Konflikte intensiv werden
Manchmal kochen die Emotionen beim gemeinsamen Spielen hoch. Es wird geschubst, gehauen oder laut geweint, wenn zwei Kinder denselben Bauklotz haben möchten. Solche Situationen fordern viel Geduld von allen Beteiligten. Begleiten Sie Ihr Kind ruhig und zeigen Sie Verständnis für den Frust, auch wenn Sie ein körperliches Verhalten sanft unterbrechen müssen.
Falls Sie sich Sorgen machen, weil Ihr Kind in Konfliktsituationen extrem heftig reagiert, oder Sie sich im Alltag stark belastet fühlen, ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt eine gute erste Anlaufstelle. Dort können Sie Ihre Beobachtungen besprechen und sich wertvolle, auf Ihr Kind abgestimmte Impulse für den Familienalltag holen.
Der Druck von außen auf dem Spielplatz
Oft ist es gar nicht das Verhalten des Kindes, das Eltern am meisten stresst. Es sind die erwartungsvollen Blicke anderer Erwachsener. Auf dem Spielplatz herrscht oft die unausgesprochene Regel, dass alle Förmchen und Schaufeln Allgemeingut sind. Wenn das eigene Kind dann lautstark seinen Bagger verteidigt, steigt schnell das Gefühl von Scham auf.
Machen Sie sich in solchen Momenten bewusst, dass Sie Ihr Kind begleiten und nicht die Erwartungen anderer erfüllen müssen. Ein freundliches Lächeln und ein kurzer Satz helfen oft schon, die Situation zu entschärfen. Sie können ganz ruhig sagen, dass Ihr Kind den Bagger gerade noch selbst braucht. Das signalisiert dem anderen Kind und dessen Eltern Klarheit, ohne das eigene Kind zu beschämen.
Es ist völlig in Ordnung, sich schützend vor die Bedürfnisse des eigenen Kindes zu stellen. Sie sind der sichere Hafen. Wenn Ihr Kind spürt, dass Sie seine Grenzen respektieren, stärkt das sein Vertrauen enorm.
Praktische Tipps für ein entspanntes Miteinander
Erwachsene können Konflikte beim gemeinsamen Spielen friedlich und warmherzig begleiten. Die folgenden Strategien helfen im Alltag, ohne Druck aufzubauen.
Vorbild im Alltag sein
Kinder lernen am meisten durch Beobachtung. Teilen Sie ganz bewusst Dinge mit Ihrem Kind und kommentieren Sie das Geschehen. Ein einfaches Angebot wie ein Stück von Ihrem Apfel zeigt, dass Abgeben etwas Positives und Alltägliches ist.
Kein Zwang zum Teilen
Wenn Kinder zum Teilen gezwungen werden, verknüpfen sie das Abgeben mit negativen Gefühlen. Sie lernen nicht, großzügig zu sein, sondern haben Angst vor dem Verlust. Wer eigene Grenzen gewahrt sieht, teilt später oft viel lieber freiwillig.
Lieblingsdinge vorher wegräumen
Wenn Spielbesuch ansteht, dürfen ganz besondere Schätze vorher in den Schrank wandern. Besprechen Sie gemeinsam, welche Spielzeuge für alle da sind und welche lieber sicher verstaut bleiben. Das nimmt von vornherein viel Druck aus der Situation.
Tauschen statt Teilen
Einem Kind fällt es oft leichter, etwas abzugeben, wenn es dafür etwas anderes bekommt. Bieten Sie eine Alternative an. Ein spannendes Tauschgeschäft wird von vielen Kindern eher akzeptiert als ein reiner Verlust des Spielzeugs.
Zeitliche Begrenzungen nutzen
Das Abwechseln ist eine wunderbare Vorstufe zum Teilen. Eine kleine Sanduhr macht die Wartezeit sichtbar. Wenn der Sand durchgelaufen ist, darf das andere Kind spielen. So wird das abstrakte Konzept der Zeit für das Kind greifbar und verständlich.
Gefühle benennen und begleiten
Wenn ein Kind traurig oder wütend ist, weil es ein Spielzeug nicht bekommt, hilft oft schon pure Anteilnahme. Benennen Sie das Gefühl ganz klar. Ein Satz über die aktuelle Wut zeigt Ihrem Kind, dass es verstanden und liebevoll begleitet wird.
Häufige Fragen von Eltern
Wird mein Kind egoistisch, wenn ich es nicht zum Teilen zwinge?
Nein, ganz im Gegenteil. Großzügigkeit entsteht aus einem Gefühl der Sicherheit. Wenn Ihr Kind spürt, dass sein Besitz respektiert wird, fällt das Teilen später oft umso leichter.
Wie reagiere ich, wenn mein Kind einem anderen etwas wegnimmt?
Schreiten Sie ruhig, aber bestimmt ein. Geben Sie das Spielzeug dem ursprünglichen Kind zurück und erklären Sie die Situation kurz. Bieten Sie Ihrem Kind dann direkt eine spannende Alternative an.
Muss mein Kind sein Essen auf dem Spielplatz teilen?
Auch hier gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Sie können Ihr Kind fragen, ob es etwas abgeben möchte. Wenn es verneint, ist das völlig in Ordnung. Sie können als Elternteil natürlich aus Ihrer eigenen Vorratsdose etwas anbieten.
Zusammenfassung
- Teilen erfordert kognitive Reife und Empathie, die sich bei Kleinkindern erst nach und nach entwickeln.
- Das Verteidigen von Besitz ist ein wichtiger Teil der Ich-Findung und hat nichts mit Egoismus zu tun.
- Zwang führt oft zu Verlustangst, während Freiwilligkeit spätere Großzügigkeit fördert.
- Tauschen und Abwechseln mit einer Sanduhr sind hilfreiche und greifbare Vorstufen für das Teilen.
- Erwachsene helfen am besten, indem sie Vorbild sind und starke Gefühle liebevoll begleiten.
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